DER KLIMAWANDEL UND DAS ENERGIESYSTEM

Physikalische Fakten und ökonomisch-politische Schlussfolgerungen

ZUSAMMENFASSUNG

Die Geschwindigkeit des Klimawandels und das Ausmaß der Bedrohung werden in der öffentlichen Diskussion drastisch unterschätzt.

Die globale Staatengemeinschaft muss die Verwendung fossiler Energieträger vor dem Jahre 2030 beenden, wenn die Ziele des Abkommens von Paris erreicht werden sollen. 

Die Industrieländer sollten die Nutzung fossiler Energien sogar schon früher beenden. Eine umfassende Revision der Energie- und Klimapolitik der Europäischen Union für das Jahr 2030 ist daher notwendig.  

Gliederung:

  1. Physikalische Messergebnisse als Grundlage der Entscheidungsfindung
  2. Politische und ökonomische Realitäten auf europäischer Ebene
  3. Aspekte aus österreichischer Sicht

 

  1. PHYSIKALISCHE MESSERGEBNISSE ALS GRUNDLAGE DER ENTSCHEIDUNGSFINDUNG:

Frage 1: Was ist der Schlüsselparameter zur Beurteilung des Klimawandels?

Die CO2   Konzentration in der Atmosphäre. Sie liegt weltweit aufgrund der raschen Luftverteilung auf ähnlichem Niveau.

Frage 2: Wo liegt der kritische Grenzwert für diese Konzentration und wo stehen wir jetzt?

Ein Wert von 350 ppm CO2 ist klimaverträglich, 400ppm ist die kritische Schwelle (ppm = pars per million).

Ein Wert von 420ppm die äußerste Obergrenze, um eine Erwärmung von mehr als 2°C wahrscheinlich zu verhindern.

Um die Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen sollte die Konzentration 400ppm nicht überschreiten und in der Zukunft auf unter 350ppm reduziert werden.

Wie Tabelle 1 zeigt, lag der Wert im Jänner 2016 schon bei 403ppm.

(source: IPCC 2014, summary for policy makers, mitigation of climate change, III. Working group, page 12)

 

Tabelle 1 : Entwicklung der CO2 Konzentration in der Atmosphäre 2014 – 2016, ppm

  Ppm CO2 Ppm CO2 gerundet
January 2014 397.81 398
May 2014 401.88  
January 2015 399.96 400
May 2015 403.94  
January 2016 402.52 403
May 2016 407.7  

Source: ftp://ftp.cmdl.noaa.gov/ccg/co2/trends/co2_mm_mlo.txt

 

Der Anstieg pro Jahr von 2014 bis 2016 war 2.6 ppm. Zu Winterende (Mai) ist der Wert am höchsten, weil die Pflanzen über den Winter nur wenig CO2 absorbieren; zu Sommerende ist der Wert am tiefsten. Der Wert im Januar entspricht etwa dem Jahresmittel. .

Frage 3: Wann wird der kritische Wert von 420 ppm erreicht werden, wenn die aktuellen Trends anhalten?

Ausgehend von einem Wert von 403 ppm im Jänner 2016 und einer jährlichen Zunahme von 2,6ppm wird die kritische Schwelle von 420 ppm in sechs bis sieben Jahren, also um 2023 überschritten werden.

Frage 4: Was folgt aus diesen Messdaten?

Wenn die globale Staatengemeinschaft sofort beginnt, den Einsatz fossiler Energien drastisch zu reduzieren, sodass der jährliche Anstieg der CO2 Konzentration deutlich zurückgeht, dann muss spätestens um 2030 der Ausstieg aus den fossilen Energien vollzogen sein, um den Grenzwert von420 ppm nicht oder nur unwesentlich zu überschreiten

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Critical threshold 400p

 

Schlussfolgerung;

Aus naturwissenschaftlicher Sicht muss die Verwendung fossiler Energien vor dem Jahre 2030 beendet werden, um die Ziele von Paris zu erreichen. Doch das allein würde nicht genügen. Gleichzeitig müssen umfassende Aktivitäten starten, um große Mengen an CO2 der Atmosphäre zusätzlich zu entziehen, beispielsweise globale Aufforstungsprogramme für mehrere 100 Millionen Hektar.

 

  1. POLITISCHE UND ÖKONOMISCHE REALITÄTEN IN EUROPA UND ÖSTERREICH

Frage 5: Geht die Entwicklung in die richtige Richtung?

Nein, im Jahre 2015 stiegen die CO2 Emissionen in der EU28 sogar an, die tiefen Ölpreise führen zu neuen Investitionen in fossile Strukturen und zu einem Mehrverbrauch. Außerdem ist die globale Waldfläche rückläufig. Die Welt entwickelt sich derzeit weg von den Paris Zielen, hin zu einer Erwärmung von 3 -5°C°, in Binnenländern (Alpenraum) zu einer noch höheren Erwärmung.

Frage 6: Entsprechen die EU Ziele für 2030 dem Abkommen von Paris?

Die EU Ziele für 2030 – Reduktion der THG Emissionen um 40%, mindestens 27% erneuerbare Energien – entsprechen bei weitem nicht den Zielen des Pariser Abkommens.

Frage 7: Was sollte jetzt auf europäischer Ebene unternommen werden?

  1. Information und Bewusstseinsbildung

Die physikalischen Daten und die Ergebnisse der Klimawissenschaft müssen kommuniziert werden: an die Mitarbeiter in der EU-Kommission, an die Kommissare, die Vertreter des Parlaments, des Rates, die anderen EU Gremien und an die Öffentlichkeit. Die aktuelle Politik führt zu einer CO2 Konzentration von 420ppm noch vor dem Jahre 2030 und damit zu einer Erwärmung von über 2°C! Es genügt nicht, eine De karbonisierung bis 2050 anzustreben, die De-Karbonisierung muss weitgehend bis 2030 erfolgen.

  1. Neue Ziele auf europäische Ebene

Die EU muss umgehend neue Klima- und Energieziele für 2030 erarbeiten, die auf den Messdaten der Klimawissenschaft aufbauen und den Zielen von Paris entsprechen. Beispielsweise: Mindestens eine Halbierung der Verwendung fossiler Energien bis 2030, minus 60% Emissionen bezogen auf 1990, mindestens 50% erneuerbare Energien. Selbst diese Ziele allein wären noch nicht hinreichend aber sie sind durchführbar, wenn der politische Wille vorhanden ist.

  1. Neue Maßnahmen der Mitgliedsländer und der EU Kommission für 2030 – dem Beispiel führender europäischer Länder folgend.
  • Ordnungspolitik

Bespiel Schweden: Abgabe auf fossile Emissionen 121 Euro/Tonne

Frankreich: Parlamentsbeschluss in Zukunft 100 Euro je Tonne

Dänemark: Verbot der Neuinstallation von Ölkesseln

Norwegen: Vorschlag den Verkauf von PKW mit Verbrennungsmotoren ab 2025 einzustellen, Diskussion ähnliches ab 2030 auch für LKWs vorzusehen!

Denkbar auch keine Kohle zur Stromerzeugung ab einem bestimmten Zeitpunkt

  • Maßnahmen der Förderung und Unterstützung europäisch

Erneuerbarer Strom – vor allem Wind, PV: Ausweitung um das 7 fache bis 2030, Beibehaltung entsprechender Unterstützungsprogramme (Einspeistarife, Quoten, was auch immer, länderspezifisch)

Ausbau der Fernwärme, Forcierung der Wärmeeinspeisung aus Abwärme, Biomasse, Abfällen, Solarthermie

Mobilisierung der Biomasse, erhöhte Beimischung für Biotreibstoffe

  • Bildung eines Klubs der willigen Länder innerhalb der EU 28

Nicht alle EU Länder sind schon jetzt bereit, eine konsequente Klimaschutzpolitik umzusetzen. Doch eine Reihe von Ländern macht das jetzt schon: UK, Dänemark, Schweden um einige Beispiel zu nennen. Es soll eine Paris Gruppe von Ländern gebildet werden, die ihren vollen Beitrag zur Zielerreichung von Paris einbringen, im Sinne eines vollen Ausstiegs aus den fossilen Energien zwischen 2030 und 2040.

  • Eine globale EU Initiative für ein Aufforstungsprogramm

Selbst wenn alle Länder mitgehen und die EU zwischen 2030 und 2040 aus den fossilen Energien aussteigt und andere Industrieländer dazu bringt, ähnlich vorzugehen, reicht das nicht, um die Ziele von Paris zu erreichen. Umfangreiche Maßnahmen zur Entnahme von Kohlenstoff aus der Luft sind notwendig. Ein Weg dazu ist die Aufforstung von mehreren hundert Millionen Hektar weltweit.

 

Frage 8: Was folgt aus diesen Fakten für Österreich?

In Österreich geht es zunächst darum, ein Bewusstsein für das Ausmaß des Problems Klimawandel zu schaffen. Mit den bisherigen Maßnahmen, die meist auf Freiwilligkeit beruhen, ist das Problem nicht zu lösen.

Dann ist eine Werteentscheidung zu treffen. Will Österreich Verantwortung, Solidarität, Führungsanspruch im Aufbau eines neuen klimafreundlichen Energiesystems übernehmen oder weiter abwarten und beobachten, wie andere agieren? Wenn die Entscheidung für Abwarten fällt, bedeutet dies, dass die Industrie, die Forschung, die Wirtschaft teilweise den Anschluss an die innovativen Pionierländer im Aufbau eines neuen globalen Energiesystems verlieren und Österreich das Abkommen von Paris nicht einhält.

Österreich hat besonders gute Chancen eine Pionierrolle zu übernehmen: Österreich hat keine Atomenergie mit ihren unzähligen Problemen (siehe Schweiz, Deutschland, Frankreich) Österreich hat keine eigene Kohleminen, die aus sozialen Gründen den Umbau erschweren (Deutschland, Polen), dagegen hat Österreich eine sehr aufgeschlossene Bevölkerung, einen hohen Anteil an erneuerbaren Strom und in Teilbereichen der erneuerbaren Technologien eine weltweit führende Industrie.

Die wichtigsten Sofortmaßnahmen im Falle einer Entscheidung für wirksamen Klimaschutz sind: eine ökologische Steuerreform, Verbot neuer Ölkesseln, ein neues Ökostromgesetz für zusätzlich 20TWh erneuerbaren Strom.

 

Über den Autor:

  1. Dr. H. Kopetz, Senior Consultant World Bioenergy Association, Stockholm – Graz

2012 – 2016 Vorsitzender Weltbiomasseverband, Stockholm

2005 – 2010 Vorsitzender Europäischer Biomasseverband, Brüssel

1997 – 2000 Member of the advisory committee for Energy of the European Commission, Brussels

Letzte Publikation:   “Paris – Wie weiter? Klima- und Energiekonzepte für Österreich“ 2016.

 

ANHANG:

Treibhausgasemissionen in Österreich, Literatur

Die folgende Tabelle zeigt die Treibhausgasemissionen in Ö nach Verursachern in Millionen Tonnen CO2e für die Jahre 1990 und 2012. Sie sind in diesem Zeitraum leicht angestiegen. Für das Jahr 2030 ist eine Variante dargestellt, die aufzeigt, welchen Beitrag die einzelnen Sektoren zu einer Reduktion von 80 auf 30 Mio t leisten müssten, um den Beitrag Österreich zur Erreichung des 2°C Zieles sicherzustellen.

Daraus geht hervor, dass etwa bis 2030 in der Energieversorgung und Wärmebereitstellung die fossilen Energien weitgehend ersetzt werden müssten, fossile Energien im nennenswerten Umfang sollten dann nur mehr im Verkehr und in der Industrie zum Einsatz kommen.

 

Tab.: Österreich, THG Emissionen Mio t CO2e nach Verursachern.

  1990 2012 2°C Ziel

2030

SOLL Veränderung

2012-2030 %

Industrie 21 25 14 -44
Verkehr 14 22 8 -64
Energieaufbringung 14 12 1 -85
Raumwärme 14 9 1 -90
Landwirtschaft 9 8 4 -50
Andere 6 4 2 -50
Summe 78 80 30 -62
 

Eine solche Umstellung ist nur möglich, wenn sofort eine ökologische Steuerreform mit mindestens 100 Euro/Tonne CO2 durchgeführt wird, die Installation neuer Ölkesseln verboten, der Ökostromausbau durch ein neues Gesetz massiv forciert wird (plus 20 TWh) und eine breite Kampagne zur Bewusstseinsbildung zu diesem Thema durch die Bundesregierung gestartet wird. .

 

Weiterführende Literatur zum Thema:

„Paris – wie weiter? Energie- und Klimakonzepte für Österreich“

2016, H.G. Kopetz. Verlag DTW ZukunftsPR

„Mutter Erde ruft um Hilfe“

2015, H.G. Kopetz. Verlag DTW ZukunftsPR

„Klimaschock“

2015, Gernot Wagner u. Martin Weizmann. Überreuter Verlag

„Selbstverbrennung“

2015, Hans Joachim Schellnhuber, Bertelsmann Verlag

„Globale Abkühlung – Strategien gegen die Klimaschutzblockade“

2013, Hans – Josef Fell, Beuth Verlag

„Die vermeidbare Energiekrise“

2010, H.G. Kopetz. Weishaupt Verlag

Schwarzbuch Klimawandel. Wie viel Zeit bleibt uns noch?

2005 Helga Kromp-Kolb und Herbert Formayer erbert FormayerEcowin Verlag,

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